Wegzeichen erinnern und Mahnen
Stelen markieren den Weg des Todesmarschs durch Ostholstein
Sie sollen Stolpersteine sein, zum Erinnern und Mahnen anregen. Seit dem 1. September 1999, markieren zwölf Stelen - frei und aufrecht stehende Platten aus Beton mit eingelassenen Tontafeln und Tonfiguren - die Wegstrecke, auf der im April 1945 etwa 500 Häftlinge aus den Konzentrationslagern Auschwitz-Fürstengrube und Mittelbau-Dora von Lübeck über Bad Schwartau, Pohnsdorf, Curau, Bokhof, Dunkelsdorf, Ahrensbök, Siblin, Sarau, Süsel bis nach Neustadt i. H. marschieren mussten, wo die meisten auf Häftlingsschiffen in der Lübecker Bucht während eines britischen Bombardements ihr Leben verloren.
Die Wegzeichen sind das Werk von 15 jungen Menschen aus Polen, Tschechien, Weißrussland und aus Deutschland. Während eines gemeinsamen internationalen Sommerlagers - initiiert von der Gruppe 33, einer Bürgerinitiative, die sich als Arbeitsgemeinschaft zur Zeitgeschichte in Ahrensbök organisiert hatte - und in Zusammenarbeit mit der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste - arbeiteten sie 14 Tage lang unter Anleitung des Berliner Künstlers Wolf Leo. "Nicht an Schuld", so Leo, "sollen die Stelen erinnern, sondern an die Verantwortung der Nachgeborenen."
Die Idee dieses Wegzeichen-Projektes war im Sommer 1998 entstanden. Auf Einladung der Gruppe 33 war Sam Pivnik - ein ehemaliger Häftling des Auschwitz-Nebenlagers Fürstengrube und unfreiwilliger Teilnehmer des Todesmarsches - nach Ahrensbök gekommen. Pivniks Besuch und seine bewegende Bereitschaft zur Versöhnung veranlassten den damaligen Bürgermeister Wolfgang Frankenstein und andere Ahrensböker Honoratioren zu dem Versprechen: "Wir wollen dem Todesmarsch ein Denkmal setzen".
Das Versprechen wurde ernst genommen. Der damalige Ahrensböker Pastor Michael Schwer, Mitinitiator der Gruppe 33, las in einer Zeitschrift des Vereins "Wider das Vergessen, für Demokratie" von Stelen, mit denen Wolf Leo den Todesmarsch von Frauen aus dem KZ Ravensbrück markiert hatte. Der Pastor erhielt schnell die Zusage zur Mitarbeit an einem Wegzeichenprojekt im ostholsteinischen Raum. Rund zwanzigtausend Mark würde es kosten, so Leos Erfahrung, was den Pastor nicht entmutigte. Auf seiner Betteltour bekam er mal da tausend, mal dort zweitausend Mark - von der evangelischen Kirche wie von Gemeinden, Kreis und Land. Die Heinrich-Böll-Stiftung konnte ebenfalls gewonnen werden wie auch der französische Verein der "Söhne und Töchter deportierter Juden", zu dem Beate und Serge Klarsfeld gehören; sein Vater war Häftling in Fürstengrube.
Bemerkenswert ist das ehrenamtliche Engagement einer Reihe von Leuten, das das Projekt erst möglich machte. Nicht nur mussten die zwölf Mädchen und die drei Jungen An- und Abreise selbst finanzieren, sie zahlten auch für die Unterbringung in Zelten zwischen 50 und 180 Mark. Barbara Braß, damals Jugendbetreuerin in Ahrensbök, und engagierte Leiterin dieses - und später vieler internationaler Jugendsommerlage -, opferte im Sommer 1999 – ebenso wie in folgenden Jahren ihre Urlaubswochen.
Von Anfang an stand fest, dass es nicht allein um Schaffung und Aufstellung von Mahnmalen ging. Mit den jungen Leuten sollte auch inhaltlich gearbeitet werden: Das Camp war im Garten und dem Gebäude untergebracht, in dem sich 1933 ein frühes Konztentrationslager befand. Gemeinsam schritten die Jugendlichen die holsteinische Wegstrecke des Todesmarsches ab. Sie sprachen mit Zeitzeugen, die 1945 am Straßenrand gestanden hatten. Einen Abend lang hörten sie Berichten des Regionalhistorikers Gerhard Hoch zu, der 1990 in seinem Buch "Von Auschwitz nach Holstein" als erster über den "Leidensweg der 1200 jüdischen Häftlinge von Fürstengrube" berichtet hatte.
Für Hoch ging mit dem Wegzeichenprojekt ein "Traum in Erfüllung". Er, der viele Jahre lang wegen seiner Arbeit über den nationalsozialistischen Terror in seiner schleswig-holsteinischen Heimat angegriffen wurde, war nun zuversichtlich, dass die Stelen Menschen anziehen und ihre Neugierde wecken würden. Das Andenken an das Leid der geschundenen Männer damals, so erklärte Hoch, würde Menschen heute ermutigen, für eine Politik einzutreten, "die Nähe zu Opfern schafft".
Standorte der Stelen
- Stele 1
Lübeck, Gustav-Radbruch-Platz/Ecke Fährstraße, nördlich der Burgtorbrücke
Koordinaten: 53.875477, 10.692352 - Stele 2
Lübeck: Schwartauer Landstraße, Nordostecke des Tremser Teichs
Koordinaten: 53.900956, 10.689150 - Stele 3
Bad Schwartau, Zentrum: Ecke Schulstraße / Rensefelder Straße, Jugendtreff „Alte 12“
Koordinaten: 53.920137, 10.693649 - Stele 4
Bad Schwartau Alt Rensefeld, am Teich vor der Kirche St. Fabian
Koordinaten: 53.920961, 10.677853 - Stele 5
Pohnsdorf, bei der Ulme am Dorfanger (kurz vor der Einmündung auf die Straße nach Ahrensbök)
Koordinaten: 53.927993, 10.636833 - Stele 6
Curau, im Rosenfeld an der Straße nach Ahrensbök, Kreuzung nach Dissau/Malkendorf
Koordinaten: 53.950961, 10.622118 - Stele 7
Bokhof, an der Straße nach Ahrensbök, Abzweigung Dunkelsdorf
Koordinaten: 53.967983, 10.600891 - Stele 8
Ahrensbök, Lübecker Straße bei der Marienkirche
Koordinaten: 54.007587, 10.574275 - Stele 9
Feldscheune Siblin auf der Straße Ahrensbök - Eutin, nahe dem Rettungshubschrauberplatz
Koordinaten: 54.040440, 10.560842 - Stele 10
Sarau, an der Kirche
Koordinaten: 54.055400, 10.524386 - Stele 11
Süsel, Seeweg, nahe der Kirche
Koordinaten: 54.076069, 10.718783 - Stele 12
Neustadt, Lienaustraße / Lienaupark
Koordinaten: 54.105518, 10.806054