Aus aller Welt nach Ostholstein

Junge Menschen helfen bei Aufbau, Erhalt und Pflege der Gedenkstaätte

 

Anno 1999: An der Bundesstraße 432 zwischen Ahrensbök und Scharbeutz befand sich ein leer stehendes, verlassenes Gebäude in einem verwilderten Park. Noch gab es keine Pläne, an diesem Ort eine Gedenkstätte einzurichten, obwohl inzwischen die Geschichte des Hauses öffentlich thematisiert worden war: Hier, wo die Nationalsozialisten im Oktober 1933 ein frühes Konzentrationslager eingerichtet hatten, sollte 66 Jahre später das erste internationale Jugendsommerlager stattfinden. 

Die Idee war – und ist – junge Menschen bei Aufbau, Erhalt und Pflege der Gedenkstätte einzubinden und sie mit Aufgaben und Zielen der regionalen Gedenkarbeit vertraut zu machen. Veranstalter ist der gemeinnützige “Trägerverein Gedenkstätte Ahrensbök/Gruppe 33“, der seit 1999 zusammen mit anderen Organisationen wie „Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste“ (Berlin) oder dem Bugenhagen Berufsbildungswerk (Timmendorfer Strand), der Flüchtlingsorganisation „Lifeline“ (Kiel) sowie gemeinsam mit den evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Ahrensbök-Curau-Gnissau und dem Ahrensböker Partnerverein Grzmiaca/Gramenz die Jugendsommerlager ausrichtet. 

Die Teilnehmer*innen kamen und kommen aus aller Welt – nur der australische Kontinent war bislang nicht vertreten. Junge Leute reisten aus Polen, Tschechien, der Ukraine, aus Weißrussland, Russland und Sibirien, Ungarn und Mazedonien an. Es nahmen Schüler aus den USA, aus Holland, Österreich und aus Deutschland teil. Aus dem Irak, aus Afghanistan und Ghana kamen junge Flüchtlinge, aus dem Iran zwei Brüder, die mit ihrer Familie in Deutschland Asyl suchten. 2001 trafen erstmals, seit 2014 jedes Jahr wieder Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums aus der polnischen Partnerstadt Ahrensböks, Grzmiaca, in der Gedenkstätte mit jugendlichen Mitgliedern der Kirchengemeinden zusammen. Junge Leute aus Lettland, die in der Kirchengemeinde Curau zu Gast waren, legten im Sommer 2016 Rasengittersteine und Platten als Fundament für zwei Gartenhäuser. 

Anfangs musste viel improvisiert werden. Es gab keine Duschen; also wurden Ausflüge in ein Sportlerheim organisiert. Es gab keinen Herd, keinen Kühlschrank; also wurde das Essen außerhalb zubereitet – ein Wirtshaus in der Nachbarschaft spendierte das Geschirr. Es gab in den Zelten keine Matratzen; also wurden Strohlager gebaut. Als Esstische dienten ausgemusterte Schulpulte, Stühle wurden von überall her angeschleppt. Und wenn der Regen zu stark auf – und in - die Zelte prasselte, in denen die Teilnehmenden übernachteten, mussten die jungen Leute in die Räume des Gebäudes, der späteren Gedenkstätte, flüchten und dort kampieren. 

Ursprünglich waren täglich – außer am Wochenende - fünf Arbeitsstunden angesetzt. Gäste, die vorbeischauten, schüttelten mitfühlend die Köpfe, wenn sie den jungen Leuten bei der Arbeit zusahen. Da wurden Löcher in den Decken gestopft, verwitterte Wände geweißt, schmutzige Holzböden abgezogen und geschrubbt. In einem Sommer entkernten die jungen Leute das marode alte Badezimmer im Erdgeschoss, im Folgejahr zogen sie Gräben rund um das Haus, um das Fundament zu isolieren. In einem anderen Sommer wurden muffiger Schimmel und verrotteter Putz von den Wänden der ehemaligen Verhörzelle und anderer Kellerräume abgeklopft, wie auch Schutt und Müll vieler Jahrzehnte von unten nach oben rausgeschleppt werden musste. 

Das erste internationale Jugendsommerlager 1999 wird besonders in Erinnerung bleiben. 15 junge Menschen aus vier Ländern Europas schufen das Wegzeichenprojekt – Mahnmale wurden in all den Orten aufgestellt, durch die der Todesmarsch im April und Mai 1945 durch Ostholstein führte. 

Die Zeit körperlich harter Arbeitseinsätze gehört – meist - der Vergangenheit an. Seit die Räume der Gedenkstätte mit finanzieller Hilfe von Bund und Land renoviert wurden, helfen heute junge Leute im Archiv und in der Bibliothek. Oder sie jäten und harken den Außenbereich. Und sie machen sich jeden Sommer auf den Weg, um die Stelen zu pflegen, die dazu gehörenden Informationsschilder zu reinigen und das Umfeld von grünem Wildwuchs zu säubern. Dabei erfahren sie, was an den verschiedenen Orten 1945 geschah. Beispielsweise in Dunkelsdorf, wo sechs Häftlinge erschossen wurden. Beispielsweise in den Scheunen von Siblin und Gut Glasau, wo die Häftlinge zwei Wochen lang eingesperrt waren. 

In jedem Sommerlager wird die Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, wie sie in Ahrensbök geschah, thematisiert. Die jungen Leute besuchen die Ausstellungen der Gedenkstätte und erfahren, wie frühe und spätere Konzentrationslager funktionierten, wie ein Todesmarsch verlief. Ihnen wird das nationalsozialistische Bildungssystem am Beispiel von Ahrensbök erklärt. Und sie hören von Verfolgung und Enteignung jüdischer Bürger und der Ausbeutung mehr als tausend aus ihrer Heimat verschleppter Fremdarbeiter*innen, die in Ahrensbök Zwangsarbeit leisten mussten. Zeitzeugen und Fachleute werden eingeladen, um aus eigener Erfahrung zu berichten. Auch der Besuch anderer Gedenkstätten wird organisiert. 

Ein besonderes Anliegen der internationalen Sommerlager ist, Erkenntnisse der Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen. Das Sommerlager beginnt mit einem Begrüßungsgottesdienst in der evangelischen Kirche Ahrensböks. Oft folgen Besuche einer Synagoge und einer Moschee, um für alle drei Weltreligionen Interesse zu wecken. Zu einigen Sommerlagern werden Flüchtlinge eingeladen, um sich mit den jungen Europäern auszutauschen. Erfahrungen zeigen, dass während abendlicher Gesprächskreise die unterschiedlichen Lebenserfahrungen der jungen Menschen heiß diskutiert werden. Viele erfahren erstmals die Gründe, warum Gleichaltrige aus ihren Heimatländern flüchten, dass Vertreibung und Verfolgung nicht Geschichte, sondern eine aktuelle Menschheitskatastrophe ist. 

Nun glaube niemand, dass sich die jungen Leute ausschließlich mit der dunklen Seite der deutschen Geschichte oder dem Unrecht der Gegenwart befassen. Wer in der Zeit des Jugendsommerlagers die Gedenkstätte besucht, wird schon von weitem Gelächter und Musik hören. Gemeinsam fahren alle zu Badebesuchen an die Ostsee, unternehmen Ausflüge ins Hansaland, Einkaufsbummel nach Lübeck und Eutin oder Paddelexkursionen auf der Trave. Sie veranstalten Konzerte, Sommerfeste, fröhliche Grillabende mit Lagerfeuer. Es wird gebastelt, getrommelt und gekegelt, gesungen, getanzt und fröhlich musiziert, wie das junge Menschen überall in der Welt machen, wenn sie zusammenkommen.

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