Der Direktor sollte standesgemäß wohnen. Als im Jahr 1883 im Ahrensböker Ortsteil Holstendorf neben einer Zuckerfabrik ein stattliches Direktionsgebäude erbaut wurde, enthielten die Pläne keinen Hinweis, dass dieses Haus Geschichte machen würde. Dem Zuckerfabrikanten folgte neun Jahre später der Direktor der Chemischen Fabrik Dr. Christ aus Bad Schwartau, dann eine AG für chemische Produkte aus Berlin.
Diese „Schietfabrik“ vermietete das Haus 1932 an die Regierung in Eutin. Dort wurden im Rahmen des "Freiwilligen Arbeitsdienstes" - eine Maßnahme der Weimarer Regierung, um arbeitslose Jugendliche von der Straße zu holen -, Jugendliche des Reichsbanners (SPD) betreut. Sie mussten im April 1933 arbeitslosen Mitgliedern der als Hilfspolizei eingesetzten SA weichen.
Und am 3. Oktober 1933 wurde in der ehemaligen Villa am Rande der Gemeinde Ahrensbök von der Eutiner Regierung ein frühes Konzentrationslager eingerichtet, ein Vorgang, der Anlass war, dass das Haus Jahrzehnte später, am 8. Mai 2001, eine Gedenkstätte wurde.

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Es war eine Bürgerinitiative, die in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erstmals Gedenkarbeit in Ahrensbök anschob. Anlass war ein Vortrag, zu dem der damalige Pastor der evangelischen Kirchengemeinde den Regionalforscher Gerhard Hoch aus Kaltenkirchen eingeladen hatte. Sein Vortrag über den Todesmarsch, der 1945 aus Auschwitz kam und durch Ahrensbök führte, war die Gründungsstunde der Gruppe 33, eines Arbeitskreises zur Zeitgeschichte. Zwei Jahre später gründeten Mitglieder der Gruppe 33 den Trägerverein, der das Direktorenhaus in Holstendorf erwarb.
In dem Gebäude, das von Oktober bis Dezember 1933 ein frühes KZ beherbergte, wurde am 8. Mai 2001 die Gedenkstätte Ahrensbök eingerichtet. Der Trägerverein Gedenkstätte Ahrensbök/Gruppe 33 e. V. sanierte das Haus, verwaltet und füllt es mit Leben.

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Gerhard Hoch war ein Anstifter, der viele bewog, aktiv in die Gedenkarbeit einzusteigen.
Er hat auch die angestiftet, die am 8. Mai 2001 die Gedenkstätte Ahrensbök gründeten. Sein Vortrag über den „Todesmarsch von Auschwitz nach Holstein“ bewegte Zuhörer in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, eine Bürgerinitiative zu gründen, die Gruppe 33. Erstmals nach Jahrzehnten des Schweigens wurde der nationalsozialistische Terror thematisiert, wie er vor Ort in Ahrensbök geschah. Hoch hat die Gruppe viele Jahre lang begleitet. Er übergab dem Trägerverein der Gedenkstätte Ahrensbök, in dem die Gruppe 33 aufging, den Teil seines Nachlasses, der die mühevollen Recherchen für sein Buch über den Todesmarsch dokumentiert.

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ERST ZUCKERFABRIK, HEUTE GEDENKSTÄTTE
DAS EHEMALIGE DIREKTIONSGEBÄUDE AN DER FLACHSRÖSTE 16 IN AHRENSBÖK/HOLSTENDORF
 


1883 Villa für den Direktor einer Zuckerfabrik. Seit 2001 Gedenkstätte
 
1883Direktionsgebäude der Zuckerfabrik
1892Konkurs der Zuckerfabrik, Ziegeleibesitzer Lübkert erwirbt das Hauptgelände, der Hofbesitzer Stölting aus Tankenrade das Direktionshaus mit Garten
1908Die Chemische Fabrik Dr. Christ aus Bad Schwartau errichtet auf dem Gelände Produktionsstätten; ab 1924 "Chemische Fabrik Ahrensbök Dr. C. Christ AG" mit über 50 Arbeitnehmern.
19321.11.1932 bis 16.3.1933 Lager des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) der Reichsbanner-Jugend (SPD)
19333.10.1933 bis 5. Dez. 1933 Konzentrationslager für den Landesteil Lübeck des Freistaates Oldenburg (anschließend Umzug nach Ahrensbök, Plöner Str. 21, bis Mai 1934)
19336. Dezember - Ostern 1934 Sitz der Realschule mit vier Klassen



Die Landesregierung teilte mit: Am 9. Mai 1934 wird das Konzentrationslager in Ahrensbök aufgelöst.

1935ab 15.5.1935 Flüchtlingshilfswerklager für SS-Mitglieder aus Österreich
19369.4.1936 bis 1956 Gründung der "Genossenschaft Flachsröste GmbH" auf dem Gelände der Raiffeisen-Genossenschaften); Aufbau mit Hilfe von Flachsarbeiterinnen aus Schlesien
1941ab 19.5.1941 36 belgische "Fremdarbeiter" (ausländische Zivilarbeiter) auf dem Gelände
1942ab 15.4.1942 Ungefähr 127 sowjetische Zwangsarbeiter, davon 98 Frauen
1964bis 1968 Landhandel J. H. Petersen KG, Neustadt/OH siedelt auf dem Gelände (Filialauslieferungslager)
1973Zwangsversteigerung der "Flachsröste Industrie GmbH Ahrensbök"
1974Die 1906 in Ahrensbök gegründeten "Globus Gummi- und Asbestwerke GmbH" erwerben einen großen Teil der Flachsröste.
198230.500 qm einschließlich Direktionsgebäude werden verkauft an den Holzkaufmann Heinrich Voges.
1999Erstes internationale Jugendsommerlager auf dem Gelände der späteren Gedenkstätte in Zusammenarbeit mit der Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste, Berlin
2000Kauf des Gebäudes durch den Trägerverein Gedenkstätte Ahrensbök
20018. Mai Gründung der Gedenkstätte Ahrensbök, Eröffnung der Dauerausstellung "Von Auschwitz nach Holstein"
200317. März Eintragung in das Denkmalbuch für die Kulturdenkmäler aus geschichtlicher Zeit (Denkmalschutzgesetz)
2008September Erhalt einer 50-prozentigen Bundesförderung aus dem Sondertopf "Behebung eklatanter baulicher Mängel bei Baudenkmälern von nationaler Bedeutung. Spendenaufruf, um die Bedingungen der Bundesförderung zu erfüllen. Zuschuss des Landesamts für Denkmalpflege für erste Sanierungsarbeiten
2009 – 2012Umfangreiche Bauarbeiten des in seiner Substanz gefährdeten Gebäudes
2010Bereitstellung nicht rückzahlbarer Zuwendungen des Landes Schleswig-Holstein im Rahmen des "Investitionsprogramm Kulturelles Erbe"
20118. Mai 10. Jahrestag der Einrichtung der Gedenkstätte Ahrensbök Gedenkveranstaltung in Anwesenheit des Zeitzeugen Bogdan Siewierski, des schleswig-holsteinischen Ministers für Bildung und Kultur, Dr. Ekkehard Klug, des Festredners Prof. Dr. Thomas Kuczynski, Berlin
2013Eröffnung der Dauerausstellung "Das frühe KZ"
2014Eröffnung der Dauerausstellung "Unsere Schule war ein KZ", sowie der Dauerausstellung "Am Anfang stand die Judenkartei. Verfolgung und Enteignung in Ahrensbök"
2017Eröffnung der Dauerausstellung "Zwangsarbeit"
 
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EIN KONFIRMATIONSUNTERRICHT UND SEINE FOLGEN 
DIE BÜRGERINITIATIVE GRUPPE 33 WURDE ZUM TRÄGERVEREIN DER GEDENKSTÄTTE
 
Kaum zu glauben, dass alles mit einer Konfirmandenstunde im Frühjahr 1996 begann. Der damalige Ahrensböker Pastor Michael Schwer sprach mit den Jugendlichen darüber, dass Jesus jüdisch war. Als eine Konfirmandin keifte, was Scheißjuden in einer deutschen Bibel zu suchen hätten und andere Jugendliche nickten, erkannte Schwer eine Aufgabe. Er unternahm mit seinen Konfirmanden einen Kreuzweg zu Stätten des Nationalsozialismus in Ahrensbök, besuchte dabei eine Fabrik, in der Zwangsarbeiter gelebt, gearbeitet und gelitten hatten, stieß schließlich auf ein marodes Gebäude am Ortsrand, das 1933 ein frühes KZ beherbergt hatte. Und er hörte erstmals von dem Todesmarsch, der 1945 durch Ahrensbök gezogen war. Ein Informationsabend mit dem Regionalforscher Gerhard Hoch aus Kaltenkirchen folgte; Hoch hatte 1990 in seinem Buch „Von Auschwitz nach Holstein“ den „Leidensweg von 1200 jüdischen Häftlingen“ aus dem Auschwitz-Nebenlager Fürstengrube erforscht und aufgeschrieben.

Ein Brief für die Menschlichkeit
Es dauerte ein Jahr, bis der Kreis um Schwer an die Öffentlichkeit trat. Ein Brief für die Menschlichkeit war konzipiert, von fast fünfzig engagierten Leuten unterschrieben und durch Vermittlung von Hoch an drei Überlebende geschickt worden:

Sehr geehrter Herr van Hoey, sehr geehrter Herr Koopman, sehr geehrter Herr Pivnik,
nach dem Volkstrauertag im vergangenen November hielt Herr Gerhard Hoch aus Alveslohe hier in Ahrensbök auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde und des Kulturkreises
Ahrensbök e. V. einen bewegenden Vortrag über den Todesmarsch von Auschwitz/Fürstengrube über Blankenburg nach Holstein.
Vermutlich zum ersten Mal seit dem April 1945 stellten sich in einer öffentlichen Veranstaltung Menschen, die in und um Ahrensbök leben, dem Grauen dieses Todesmarsches, um darüber zu sprechen.
Durch Herrn Hoch lernten wir Ihre Namen kennen und es entstand unter uns Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Bedürfnis mit Ihnen, den uns bekannten Überlebenden, in Verbindung zu treten. Mit diesem Brief möchten wir Ihnen versichern, daß in Ahrensbök die Erinnerung an den Todesmarsch wach ist. Und wir vergessen nicht, daß Ihnen und ungezählten anderen unmenschliche Gewalt und himmelschreiendes Unrecht im Namen des deutschen Volkes angetan wurde. Wir sind voller Scham, wenn wir des unvorstellbaren Leides gedenken.
Empörung erfüllt uns, weil die Verbrechen der SS und aller Tatbeteiligten in unserem Land so weitgehend ungesühnt geblieben sind. Immer wieder will uns Sprachlosigkeit befallen, weil es in unserer Mitte uneinsichtige Täter und deren Gesinnungsfreunde gibt. Aber mit diesem Brief verpflichten wir uns Ihnen gegenüber, dem Ungeist des Antisemitismus und des Faschismus zu wehren und ihrer Menschenverachtung entgegenzutreten.
Bei der Frage, wie diese Verbrechen geschehen konnten und woher insbesondere der Haß auf die Juden kam, stießen wir auch hier auf die unheilvolle Rolle der evangelischen Kirche. Unsere Schritte damit umzugehen, sind unsicher, aber den kleinen Schritt auf Sie zu, der unser Schweigen beendet, den wollen wir tun. Wir fragen uns, wie sie mit diesen schrecklichen Erfahrungen heute leben und welche Empfindungen Sie uns gegenüber bestimmen.
Wir stehen mit dieser großen Schuld vor Ihnen und vor Gott.

Sam Pivnik antwortete. Er war der erste Zeitzeuge, der als Gast der inzwischen gegründeten Bürgerinitiative Gruppe 33, eines Arbeitskreises zur Zeitgeschichte in Ahrensbök, auf Einladung nach Holstein kam. Pivnik, Jahrgang 1926, der im April 1945 als Häftling des Todesmarsches aus Auschwitz durch den Ort getrieben worden war, wurde am 27. Juni 1998 offiziell von Bürgermeister und Bürgervorsteher, Wolfgang Frankenstein und Egon Rieger, in Anwesenheit von Gerhard Hoch empfangen.

Die Aktivitäten der Gruppe 33 waren keineswegs willkommen. Es gab Drohanrufe, Schmähbriefe, üble Nachrede und einen Ratschlag für den Pastor, den „Quatsch sein zu lassen“. Davon unbeeindruckt, begann die Gruppe 33 die Zeit zwischen 1933 und 1945 nach Jahrzehnten des Schweigens an lokalen Beispielen zu thematisieren. Zeitzeugen wurden in Schulen vermittelt, Erzählcafés eingerichtet, in denen Bürgerinnen und Bürger von eigenen Erfahrungen berichteten. Referenten sprachen über Themen wie Kriegsjahre, Kriegsverbrechen, Zivilcourage, um nur einige Beispiele zu nennen. Im Sommer 1999 organisierte die Gruppe 33 unter Leitung ihrer Vorsitzenden Barbara Braß das erste internationale Jugendsommerlager auf dem Gelände der ehemaligen Flachsröste in Holstendorf und dem dazu gehörenden einstigen Direktorenhaus, damals im Besitz des Holzhändlers Voges.

Eine Frage bewegte die Mitglieder der Gruppe 33 in dieser Zeit intensiv: Konnte man es wagen, ein historisch singuläres aber stark sanierungsbedürftiges Haus zu erwerben? Die Befürworter überwogen und gründeten am 8. Mai 2000 einen Trägerverein. Er erwarb mit öffentlichen Mitteln des Landes, des Kreises Ostholstein, der Gemeinde Ahrensbök das marode, zerfallende, seit Jahren leer stehende, unbeheizte ehemalige Direktorenhaus. Ein Jahr später, am 8. Mai 2001, wurde in diesem Gebäude die Gedenkstätte Ahrensbök eingerichtet. Zur Eröffnungsfeier kamen die Überlebenden Sam Pivnik aus England und Albert van Hoey aus Belgien.

8. Mai 2001: Pastor Michael Schwer eröffnet
in Anwesenheit der Überlebenden Albert van Hoey und Sam Pivnik die Gedenkstätte Ahrensbök


Die ersten Überlebenden, die die Gedenkstätte Ahrensbök besuchten:
Albert van Hoey (mit seiner Tochter) und Sam Pivnik während der Eröffnungsfeier 2001


Zwei Überlebende begegnen sich in Ahrensbök: Albert van Hoey und Sam Pivnik im Gespräch

Wie man damals den Mut aufbrachte, in einem solchen Haus eine Gedenkstätte einzurichten, verwundert viele bis heute. Es gab nicht wenige, die dem Projekt den baldigen Niedergang prophezeiten, ihm keine Zukunft wünschten. Sieben Jahre folgten, in denen die aktiven Mitglieder des Trägervereins die Löcher in den Mauern, in Dach und in Decken oft in Eigenarbeit notdürftig flickten und mit ihren Mitgliedsbeiträgen, Spenden und gelegentlichen kleinen öffentlichen Zuschüssen finanzierten. Sie hatten fleißige Helfer: Junge Leute des Bugenhagenwerks in Timmendorferstrand und die Teilnehmenden der jährlich wiederkehrenden internationalen Jugendsommerlager packten tatkräftig mit an.

Ende 2008 der Durchbruch: Die ostholsteinische Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn, Mitglied des Trägervereins, vermittelte eine 50-prozentige Bundesförderung aus dem Sondertopf „Behebung eklatanter baulicher Mängel bei Baudenkmälern von nationaler Bedeutung“; die andere Hälfte musste erbettelt werden. Das Untergeschoss wurde renoviert und saniert. Zwei Jahre später erhielt der Trägerverein nicht rückzahlbare Zuwendungen des Landes Schleswig-Holstein im Rahmen des „Investitionsprogramm Kulturelles Erbe“, mit denen das Obergeschoss instand gesetzt wurde.

Die Widrigkeiten der Anfangszeit in einem unbeheizten, muffigen, feuchten Haus konnten die Mitglieder des Trägervereins nie entmutigen. Sie haben von Anfang an intensiv Gedenkarbeit geleistet. Vorrangiges Ziel war stets, insbesondere jungen Menschen - Schülern und Schülerinnen, Auszubildenden, Konfirmanden, Studenten – die nationalsozialistische Geschichte, wie sie vor Ort geschah, nahe zu bringen. Dabei müht sich der Trägerverein, einen Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen, um einen Beitrag zu leisten, dass Unrecht der Vergangenheit oder Ähnliches nicht wieder geschieht.

Damals wie heute ist die Begegnung mit Zeitzeugen fester Bestandteil der Gedenkarbeit des Trägervereins. Kamen anfangs Männer und Frauen, die den nationalsozialistischen Terror selbst durchlitten hatten, kommen heute ihre Kinder. Beispiel: Sohn und Tochter des holländischen Überlebenden Nicolaas Vos überließen dem Trägerverein Exponate aus dem Nachlass des Vaters. Beispiel Bogdan Siewierki, Sohn polnischer Deportierter. Als Gast des Trägervereins besuchte er den Hof in Siblin, auf dem seine Eltern jahrelang Zwangsarbeit hatten leisten müssen.

Seit Einrichtung der Gedenkstätte bieten die Mitglieder des Trägervereins ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen, Sonntagsgesprächen, Filmvorführungen, Konzerten, Jugendtheater, wechselnden Ausstellungen zu Kunst und zeithistorischen Themen. Eine Bibliothek mit etwa 800 Büchern wurde zusammen getragen, eine Videothek enthält u. a. Filmdokumentationen Überlebender des Todesmarsches. Jeden Sonntag bieten Mitglieder Führungen durch die Dauerausstellungen an, die Anfang, Alltag und Ende des nationalsozialistischen Terrors an Beispielen aus Ahrensbök und Holstein dokumentieren.

Der Trägerverein und seine etwa siebzig Mitglieder besteht aus einem Kreis engagierter Frauen und Männer, die sich alle ehrenamtlich – ohne Aufwandsentschädigung, ohne Kostenerstattung - für ihre selbst gesteckten Aufgaben einsetzen. Regelmäßig jeden ersten Donnerstag des Monats treffen sich die Aktiven zur gemeinsamen Planung der Arbeit, mit der sie die Gedenkstätte mit Leben füllen; Interessierte können sich jederzeit in diesen Kreis einreihen. Täglich, während des ganzen Jahres, sind Besucher und Besuchergruppen willkommen, sich an Beispielen aus der Region zu informieren, dass die nationalsozialistische Diktatur nicht nur in fernen Ländern die Welt mit Terror überzog, sondern auch Orte wie Ahrensbök.
Februar 2017
 
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GERHARD HOCH: ANSTIFTER DER ERSTEN STUNDE 
DER HISTORIKER AUS KALTENKIRCHEN WAR DEM TRÄGERVEREIN ENG VERBUNDEN
 
Gerhard Hoch war ein Anstifter, der viele bewog, aktiv in die Gedenkarbeit einzusteigen.
Er hat auch die angestiftet, die am 8. Mai 2001 die Gedenkstätte Ahrensbök gründeten.

Es war am Vorabend des Buß- und Bettags 1996. Im Bürgerhaus von Ahrensbök wurde ein Freund angekündigt, der Klezmer-Musik spielen wollte. Dieser Freund hatte im Jahr zuvor eine Reise nach Polen “Auf den Spuren des ermordeten Judentums“ organisiert. Zwar trug Ulrich George an diesem Abend jiddische Lieder vor und spielte Klezmer auf seiner Gitarre. Doch der Anlass des Abends war ein anderer.

Michael Schwer, evangelischer Pastor in Ahrensbök, hatte Gerhard Hoch eingeladen. Hoch referierte im gut besetzten Bürgerhaus über ein Thema, das in Ahrensbök jahrzehntelang tot geschwiegen wurde: Das Thema war der Todesmarsch von etwa 500 KZ-Häftlingen aus den Konzentrationslagern Auschwitz-Fürstengrube und Dora-Mittelbau, die im April 1945 durch den Raum Ahrensbök getrieben wurden, hier 14 Tage lang in den Scheunen von Siblin und auf Gut Glasau eingesperrt waren, bevor sie Anfang Mai 1945 nach Neustadt marschieren mussten, dort auf drei in der Bucht liegenden Schiffe eingesperrt wurden. Und wo die meisten nur Tage vor der Befreiung während eines britischen Bombenangriffs am 3. Mai 1945 ihr Leben verloren.

Gerhard Hoch beschrieb eindringlich, wie die 500 Elendsgestalten durch die Dörfer des südöstlichen Holsteins getrieben wurden. Dass sie krank waren, ausgehungert, ausgemergelt, sich in Holzpantinen, manche barfuß, über die Straßen schleppten, an Häusern vorbei in denen damals unsere Eltern und Großeltern wohnten. Dass vor unseren Haustüren bewaffnete SS Männer bis kurz vor dem Kollaps der NS-Diktatur Menschen ermordeten, weil sie zusammenbrachen, weil sie austreten mussten, weil sie - wie uns ein Mitglied und Zeitzeuge bis heute erzählt - sich einen Stecken zum Aufstützen wünschten.

Es war wohl das erste Mal, dass Gerhard Hoch vor einem wirklich interessierten Publikum in Ahrensbök sprechen konnte. An diesem Abend war ihm große Aufmerksamkeit in einem gut besetzten Haus sicher. Zwar musste er sich auch hier die üblichen Vorwürfe anhören, wie: Es müsse endlich Schluss sein im Herumwühlen der Vergangenheit. Man solle die alten Leute in Frieden lassen. Aber: Man hörte ihm zu. Man stellte ihm Fragen. Man riss ihm die letzten Exemplare seines 1990 erstmals publizierten Buchs „Von Auschwitz nach Holstein“ aus den Händen.

Das war in der Zeit davor anders gewesen. Wenige Jahre früher hatte ein anderer Ahrensböker Pastor, Dietrich Sprung, Hoch schon mal nach Ahrensbök eingeladen.
Schon einmal sollte und wollte Hoch interessierte Ahrensböker darüber aufklären, was sich im April 1945 in ihren Straßen, vor ihren Haustüren zugetragen hatte. Pastor und Referent warteten vergeblich an diesem Abend im Schützenhof auf Interessierte. Niemand war interessiert. Keiner kam.

Gerhard Hoch kannte sich aus in dieser Region. Als er, beispielsweise, am 14. September 1989 während einer so genannten Hoffnungswanderung für Südafrika in den Ahrensböker Ortsteil Bokhof kam, machte er eine Pause. Er schilderte an diesem Ort seinen Mitwanderern, wie hier am Straßenrand Menschen erschossen wurden, nachdem man sie aus dem fernen Auschwitz bis nach Holstein getrieben hatte. Teilnehmer erinnern sich bis heute an diese bewegende Gedenkpause.

Es war die Zeit der intensiven Recherchen für sein Buch „Von Auschwitz nach Holstein“. Gerhard Hoch betrieb seine Forschungsarbeit gegen alle Widerstände und mit bewundernswerter Akribie. Dabei hat er viele Widrigkeiten hinnehmen müssen. Monate zuvor, im April 1989, war er für eine NDR-Dokumentation über „Das KZ auf dem Bauernhof“ mit zwei Überlebenden in der Gemeinde. Es ergab sich, dass ein Ahrensböker Tankstellenbesitzer mit den Zeitzeugen ins Gespräch kam. Als er erfuhr, dass die beiden Besucher jüdischen Glaubens waren, beleidigte er sie mit den Worten: „Der Jude hat von jeher die Kriege gemacht. Und er wird auch weiterhin Kriege machen.“

Die Reihe lässt sich fortsetzen. Es hat Gerhard Hoch bis an sein Lebensende gekränkt, welche Steine man ihm in den Weg legte, als er für Recherchen über den Todesmarsch in den 1980er Jahren im Raum Ahrensbök unterwegs war.
  • Beispiel Schmidt: Hoch versuchte vergeblich mit Max Schmidt, dem Lagerführer aus Auschwitz, dem Verantwortlichen des Todesmarsches, ins Gespräch zu kommen. Stattdessen wurden ihm rechtliche Schritte angedroht.
  • Beispiel evangelische Kirche: Vergeblich versuchte Hoch in Saraus Kirchenchronik zu forschen. Pastorin, Kirchenvorstand und Nordelbisches Kirchenamt verweigerten ihm die Einsicht.
  • Beispiel „Ahrensböker Nachrichten“: Der Chefredakteur verwehrte ihm das Studium der Archivbände der kleinen unbedeutenden Lokalzeitung.
  • Beispiel SPD: Die Genossen stellten sich schützend vor ihren Mitbürger, den ehemaligen SS-Oberscharführer, den Auschwitz-Lagerkommandanten Max Schmidt.
Der Buß- und Bettag Anno 1996 aber brach die „Front der Abwehr“, so O-Ton Hoch.
Sein Vortrag hatte einige im Publikum sehr bewegt. In den folgenden Monaten traf sich mehrfach eine Gruppe von Interessierten im Pastorat der Ahrensböker Kirche. Es wurde beschlossen, Hochs Anregung aufzugreifen und Kontakte zu Überlebenden des Todesmarschs zu suchen. Gerhard Hoch nannte Namen, vermittelte Adressen von drei Überlebenden. Die Gruppe formulierte gemeinsam einen „Brief für die Menschlichkeit“. Fünfzig Männer und Frauen erklärten mit ihren Unterschriften: „Vermutlich zum ersten Mal seit April 1945 stellten Menschen, die in und um Ahrensbök leben, sich dem Grauen dieses Todesmarsches, um darüber zu sprechen...“

Einer der drei Überlebenden antwortete. Sam Pivnik wurde eingeladen. Er reiste im Juni 1998 aus London an. Gemeinsam mit Gerhard Hoch wurden erstmals in Ahrensbök in einer Veranstaltung mit Presse, Bürgervorsteher und Bürgermeister öffentlich thematisiert, dass bis wenige Tage vor der Befreiung schweres Unrecht, massive Menschenrechtsverletzungen in und um Ahrensbök herum geschehen waren. Gerhard Hoch konnte an diesem Tag die Neuauflage seines Buchs „Von Auschwitz nach Holstein“ in einer feierlichen Veranstaltung in der Gemeindebücherei vorstellen. Pastor Schwer hatte Geldgeber und einen neuen Verlag (Dölling und Galitz, Hamburg, 1998) gefunden.

Im Mai 1998 hatte sich die Gruppe 33 konstituiert, die sich als Arbeitsgemeinschaft für Zeitgeschichte verstand. Gerhard Hoch muss als Pate dieser Bürgerinitiative bezeichnet werden. Obwohl anfangs die Mehrzahl der Mitglieder und Interessierten Ahrensböker Bürger und Bürgerinnen waren, die in der Gemeinde wohnten und arbeiteten, wurden die Aktivitäten der Gruppe 33 vor Ort keineswegs begrüßt. Es gab hässliche Reaktionen. Gerhard Hoch wurde gewarnt, wenn er „nochmal nach Ahrensbök komme, brauche er Polizeischutz“.

Gerhard Hoch hat in all den Jahren des gemeinsamen Engagements keinen Polizeischutz in Ahrensbök verlangt. Er legte regelmäßig die fast zweistündige Fahrt von seinem Wohnort Alveslohe nach Ahrensbök zurück, um die Arbeit der Gruppe 33 zu begleiten. Im Spätsommer 1999 formten 15 junge Menschen aus vier europäischen Staaten zusammen mit dem Berliner Künstler Wolf Leo während eines internationalen Jugendsommerlagers Stelen aus Ton und Beton. Sie wurden als Wegzeichen in den Orten Ostholsteins aufgestellt, durch die 1945 der Todesmarsch führte. Für Gerhard Hoch ging ein „Traum in Erfüllung“, wie er damals sagte.



Gerhard Hoch: Im Gespräch mit Teilnehmenden des internationalen Jugendsommerlagers.

Es gab allerdings auch Dissens. Der Diskurs innerhalb der Gruppe 33 konnte sehr kontrovers sein. Insbesondere die Rolle des Lager- und Transportführers, SS-Mann Max Schmidt, wurde unterschiedlich beurteilt. Mahnungen Gerhard Hochs, dem „Kriegsverbrecher keine billige Selbstdarstellung zu verschaffen“, wurden von der Gruppe ernst genommen. Persönliche Kontakte Einzelner zu Schmidt konnten nicht verhindert werden. Hoch wurde von einigen u. a. ein „anklagender, zu emotionaler Ton“ vorgeworfen, was andere in der Gruppe besonders an ihm schätzten. Es kam zu Austritten, als die Mehrheit darauf bestand, in der ersten von mehreren geplanten Ausstellungen den Todesmarsch zu thematisieren. Die dazu eingerichtete Arbeitsgruppe musste auf Gerhard Hochs aktive Betreuung verzichten. „Mein Buch wird mich vertreten“, hatte er der Gruppe 33 schriftlich mitgeteilt.

Am 8. Mai 2000 wurde ein Trägerverein gegründet, in dem später die Gruppe 33 aufging. Der Trägerverein erwarb eine marode Immobilie, das ehemalige Wohn- und Verwaltungshaus einer Zuckerfabrik, 1933 Ort eines frühen Konzentrationslagers.
Und als ein Jahr später die Gedenkstätte Ahrensbök in diesem Gebäude eröffnet wurde, war zeitgleich erstmals die Ausstellung „Von Auschwitz nach Holstein“ auf 33 Tafeln zu sehen.
Gerhard Hochs Buch diente als eine der wichtigsten Quellen. Seine Texte wurden stellenweise – mit Nennung des Autors – wörtlich übernommen.

Den vereinsinternen Querelen zum Trotz blieb die Zusammenarbeit mit Gerhard Hoch eng und herzlich. Gerne besuchte er die Internationalen Jugendsommerlager auf dem Gelände der Gedenkstätte. Im Kreis junger Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt sprach er oft darüber, wie während der Jahre der NS-Diktatur ein ganzes Volk blind war, wie es Krieg und Unterdrückung seiner Nachbarvölker, Verfolgung und Ermordung von Millionen hingenommen hatte. Hoch stellte sich mit bewundernswerter Offenheit und Gradlinigkeit der Tatsache, dass auch er lange verblendet gewesen war, dass auch er als junger Mensch von der Minderwertigkeit anderer Völker überzeugt war. Bewegt lauschten ihm die jungen Leute, von denen einige aus Ländern kamen, die Opfer des deutschen Terrors gewesen waren.

Zu Veranstaltungen zum 60. Jahrestag des Todesmarsches durch Holstein kam Hoch in die Scheune von Siblin. Hier suchte er das Gespräch mit dem Überlebenden Henry Bawnik und seiner großen Familie, die den Zeitzeugen begleitete. Zum 10. Internationalen Jugendsommerlager, hatte die Leiterin Barbara Braß Gerhard und Gesa Hoch zu einem lauten Fest eingeladen. Beide kamen. Schließlich aber forderte das Alter sein Tribut. Gerhard Hoch scheute nun die lange Fahrt nach Ahrensbök und so reisten einige immer mal wieder nach Alveslohe, um den Gedankenaustausch lebendig zu halten.

Im Frühjahr 2004 übergab Gerhard Hoch dem Trägerverein ein großes Paket mit drei voll gepackten Leitzordnern. Sie enthielten seine schriftlich festgehaltenen Recherche-Ergebnisse, seine umfangreiche Korrespondenz, internationale und deutsche Dokumente, Fotos. Es ist sein Nachlass zum Thema Todesmarsch. Er überreichte uns das Konvolut mit den Worten: „Der Inhalt ist bei euch besser aufgehoben als bei mir“.

Gerhard Hoch wird in der Gedenkstätte Ahrensbök immer einen wichtigen Platz einnehmen – als Freund und als Anstifter für ein Engagement, von dem wir hoffen, dass es nie nachlassen wird.

Symposium „Zu Leben und Werk von Gerhard Hoch“, 25. Juni 2016
Monika M. Metzner-Zinßmeister
Mitunterzeichnerin des „Briefs an die Menschlichkeit“
Autorin, Kuratorin der Dauerausstellung „Von Auschwitz nach Holstein“,
2006 – 2012 Vorsitzende des Trägervereins Gedenkstätte Ahrensbök/Gruppe 33 e. V.
 
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PREIS FÜR DEMOKRATIE Und TOLERANZ 
TRÄGERVEREIN DER GEDENKSTÄTTE AHRENSBÖK/GRUPPE 33 AUSGEZEICHNET
 
Für ein "ideenreiches und wirkungsvolles Beispiel zivilen Engagements" wurde am 3. November 2006 der Trägerverein der Gedenkstätte Ahrensbök/Gruppe 33 ausgezeichnet. Während einer Feierstunde im Lübecker Bürgerschaftssaal zeichnete die Bundestagsabgeordnete Cornelie Sonntag-Wolgast, als Vertreterin des "Bündnis für Demokratie und Toleranz". Gegen Rechtsextremismus und Gewalt", Berlin, den Ahrensböker Verein mit dem Preis "Aktiv für Demokratie und Toleranz 2005" aus. Die Auszeichnung wird mit 3000 Euro honoriert. Zweite Preisträgerin war die Lübecker Aktionsgruppe "Barrierefrei Innenstadt - für alle" des Lübecker Vereins "Mixed Pickles", eine Organisation für Mädchen und Frauen mit und ohne Behinderung in Schleswig-Holstein.

In ihrer Laudatio würdigte die SPD-Politikerin Sonntag-Wolgast insbesondere die Zusammenarbeit des Ahrensböker Trägervereins mit Schulen der Region, die dem vorrangigen Ziel diene, junge Menschen mit der Geschichte des Holocaust vertraut zu machen, um sie vor rechtsextremen Versuchungen zu bewahren. Sie hob auch die Notwendigkeit hervor, dass Menschen wie die Mitglieder des Trägervereins sich auch in Zukunft ehrenamtlich engagierten.

"Damit Geschichte sich nicht wiederholt", begründete die Vorsitzende des Trägervereins, Monika M. Metzner-Zinßmeister das Engagement der Mitglieder. Sie appellierte an die mehr als hundert Gäste in Lübeck, darunter zahlreiche Ahrensböker und Ahrensbökerinnen, die Arbeit des Vereins - "aktiv oder passiv", durch Mitgliedschaft oder mit Spenden - zu unterstützen.

Der Trägerverein hat die Preissumme für den dringend notwendigen Heizungseinbau in dem mehr als hundert Jahre alten Gebäude der Gedenkstätte eingesetzt. Wie der Verein mitteilte, ist das Preisgeld ein willkommener Zuschuss zu den Sanierungskosten, die die Mittel des Vereins weit übersteigen. Das Haus wird auch in diesem Winter unbeheizt bleiben und deshalb die meiste Zeit geschlossen werden müssen. Die Gedenkstätte wird letztmalig am Sonntag, 5. November von 13 bis 17 Uhr für Besucher geöffnet sein. Während der Wintermonate sind Besuche nur nach Vereinbarung möglich. Einzige Ausnahme: Der 29. Januar 2007, wenn die Schulen der Region, sowie Bürgerinnen und Bürger eingeladen werden, am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus gemeinsam der Verbrechen, die im Namen der Deutschen von Deutschen begangen wurden.
 
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