P R E S S E 
 
Einer der letzten Überlebenden
Sam Pivnik bleibt der Gedenkstätte Ahrensbök über seinen Tod hinaus verbunden




Er hatte jeden Grund, seinen Geburtstag, den 1. September 1926, nicht feiern zu wollen, wie er einmal sagte. Am 1. September 1939 hatte die deutsche Wehrmacht sein Land überfallen und sein junges Leben und das Leben seiner Familie zerstört. Sam Pivnik, der am 30. August 2017 in London im Alter von fast 91 Jahren starb, war einer der letzten Überlebenden des Völkermords an den Juden. Dank des mörderischen Wahnsinns der Nationalsozialisten, die ihre Opfer zuletzt noch auf Todesmärsche jagten, bleibt er der schleswig-holsteinischen Gedenkstätte in Ahrensbök über seinen Tod hinaus verbunden.

In der Gedenkstätte Ahrensbök erinnert man sich an Pivnik mit Hochachtung und Dankbarkeit. Als in den 1990er Jahren die Bürgerinitiative Gruppe 33 in der ostholsteinischen Kommune erstmals begann, die Zeit zwischen 1933 und 1945 lokal zu erforschen und öffentlich zu thematisieren, schrieb sie Überlebende des Todesmarsches an, der im April 1945 durch Ahrensbök getrieben worden war. Pivnik nahm die Einladung an, diesen Ort seines Leids erneut zu besuchen. Er reichte auch seine Hand zur Versöhnung, als er um Vergebung gebeten wurde, denn: Mehr als fünfzig Jahre zuvor hatte Pivnik zu den etwa 200 Häftlingen gehört, die nach einem unmenschlichem Todesmarsch zwei Wochen lang im Raum Ahrensbök fest gehalten wurden, bevor die SS sie nach Neustadt weitertrieb, wo die meisten während der Cap Arcona-Katastrophe am 3. Mai 1945 ihr Leben - fünf Tage vor der Befreiung - verloren.

Pivnik, der sich nach der Befreiung Sam nannte, wuchs im schlesischen Bedzin mit sechs Geschwistern auf. Er sprach vom „Garten Eden“, wenn er sich an seine Kindheits- und Jugendjahre erinnerte. Zwar unterrichtete der Vater seine Kinder im jüdischen Glauben. „Doch ich war wie alle in meiner Umgebung als treuer Pole erzogen worden, wir hatten in der Schule jeden Morgen für den Präsidenten gebetet, ebenso wie mein Großvater für den Russischen Zaren gebetet hatte“, schrieb Pivnik in seiner Autobiografie *).

Das Paradies wurde zur Hölle, als die Deutschen in Bedzin einmarschierten: „Sie kamen ... auf Motorrädern, Lastwagen und Geländewagen. Es handelte sich um Exekutionskommandos ... um mein Volk systematisch anzugreifen...“

Bedzins Juden - auch Pivniks Vater, ein selbstständiger Schneider - wurden zu „Lohnsklaven“ degradiert. Sam und seine Geschwister waren nach Schließung ihrer Schulen ebenfalls gezwungen, „irgendwie zurechtzukommen.“ Fabrikarbeit, Anstehen, „um ein bisschen Brot zu ergattern“, Misshandlungen der SS, die ersten Deportationen in die Lager. Verzweifelt versuchte die Familie sich zu verstecken, als das Getto von Bedzin im August 1943 aufgelöst wurde. Doch als Eltern und Kinder im glühend heißen Verschlag kein Wasser mehr hatten, kein Essen, „kletterten wir aus unserem Versteck und ergaben uns ins Unvermeidliche“, so Pivinik in seinen Erinnerungen.

Es war der 6. August 1943. Im Alter von 16 Jahren kam Pivnik mit Eltern und seinen Geschwistern im nur 40 Kilometer von Bedzin entfernten Auschwitz an. „Eine Mauer des Lärms nahm uns in Empfang“, erinnerte er sich, und: „...Waffen-SS, die uns mit ihren Gewehren stießen und schlugen, große Hunde an Ketten, die ... knurrten und bellten und die Zähne fletschten...“. Ein Unbekannterzischte dem Jungen zu: „Sag’ ihnen, du bist achtzehn“. Dann wurde er von der Familie weg in die Reihen der Männer gestoßen. Es war das letzte Mal, dass Pivnik seine Familie sah. Er und sein ältester Bruder Nathan sind die einzigen der Familie, die den Völkermord überlebten.

Der junge Szlamek wurde als arbeitsfähig befunden, geschoren, tätowiert (135 913) und informiert: „Deine Familie ... ist schon im Himmel, durch den Schornstein“. Er verrichtete unsinnige Schwerstarbeit, hungerte, wurde krank, musste zusehen, wie Häftlinge tot geschlagen, tot geschunden wurden, bis er wieder einen geflüsterten Ratschlag hörte. Er müsse aus dem Lager Auschwitz verschwinden, denn „hier würden sie uns alle umbringen“, schärfte ihm eine Bekannte aus Bedzin ein. Deshalb meldete sich Pivnik im Januar freiwillig für den Einsatz im Lager Fürstengrube. Auch in Fürstengrube, einem von 30 Nebenlagern von Auschwitz, wurde gehungert, wurden Menschen gemordet, hingerichtet, doch es war kein Vernichtungslager, so Pivnik. Lagerleiter war Max Schmidt, Bauernsohn aus Neu Glasau nahe Ahrensbök, der Anfang 1945 auch den Todesmarsch von Auschwitz nach Holstein befehligte.

Etwa tausend Männer waren im Januar in Fürstengrube losmarschiert. Pivnik: „Wer aus den Reihen trat, stolperte oder am Straßenrand stürzte, fing sofort eine Kugel“. Dem mörderischen Marsch folgte eine Todesfahrt in offenen Güterwaggons von Gleiwitz in den Harz. Pivnik: “ „... nichts zu essen und kein Wasser, abgesehen ... von dem Schnee, den wir in einer Blechdose sammelten...“. Als Transportführer Schmidt nach kurzem Aufenthalt im Harz die Häftlinge zum Weitermarsch aufrief, waren es noch etwa 200 Männer, die bis dahin den Todesmarsch überlebt hatten. Die ausgehungerten, schwerkranken und erschöpften Menschen fuhren mit einem Kahn über die Elbe nach Hamburg, von dort weiter nach Lübeck, wo Schmidt die ausgemergelten Gestalten dann durch seine holsteinische Heimat nach Ahrensbök trieb.

Seit Sommer 1999 markieren Mahnmale – Stelen aus Ton und Beton – diese Strecke. Die Mehrzahl der Häftlinge aus Auschwitz wurde in einer Feldscheune im Ortsteil Siblin einquartiert, zwanzig Männer, darunter Pivnik, nahm Schmidt mit auf den elterlichen Hof in Neuglasau, wo er sie bei Straßenarbeiten einsetzte. Zu den wenigen auserwählten „Häftlingen aus dem Westen“, die das schwedische Rote Kreuz Ende April befreite, zählten Pivnik und die meisten anderen nicht. Sie wurden Anfang Mai nach Neustadt auf drei in der Lübecker Bucht liegende KZ-Schiffe getrieben, die am 3. Mai 1945 von der britischen Luftwaffe bombardiert wurden. Von den etwa 7000 Häftlingen an Bord, die von so weither wie dem fernen Danzig nach Neustadt getrieben worden waren, überlebten kaum mehr als 500 Menschen.

Pivnik gehörte dazu. Mehr als fünfzig Jahre später war er Gast des Trägervereins, als am 8. Mai 2001 die Gedenkstätte Ahrensbök eröffnet wurde. In der Dauerausstellung über den Todesmarsch von Auschwitz nach Holstein wird Sam Pivnik zitiert, wie er sich an die verschiedenen Stationen seines Leidenswegs von Auschwitz nach Holstein erinnerte. Er benötigte viele Jahrzehnte bevor er in der Lage war, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Die Autobiographie ist sein Vermächtnis, das er kommenden Generationen zurückgelassen hat.

*) Sam Pivnik: „Der letzte Überlebende“, 2017, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Theiss Verlag, Darmstadt, Englisch: „Survivor. The Death March and My Fight for Freedom“, 2012, Hodder & Stoughton, London, UK




 
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